Ein Bekannter von mir hat vor ein paar Jahren eine Kiste auf dem Dachboden seiner Eltern gefunden. Darin: ein Motorola-Gerät, ungefähr so groß wie ein halber Ziegelstein, mit einer ausziehbaren Antenne und einem Akku, der beim Hochheben bedenklich klackerte. Er hat es eingeschaltet. Es ging nicht. Aber das Display leuchtete kurz auf, grün, und in diesem Moment hat er verstanden, warum seine Mutter es 1994 gekauft hat: Es war das erste Handy in der Familie. Und es war ein Statussymbol.

Wer heute nach den ersten Handys sucht, landet meist bei einer trockenen Jahresliste: 1973 Motorola, 1983 DynaTAC, 1992 Nokia 1011, 2007 iPhone. Das ist alles richtig. Es erzählt aber nichts darüber, wie es sich angefühlt hat, eines der ersten Handys zu besitzen, was es gekostet hat und warum in Deutschland ein anderer Netzstandard plötzlich alles veränderte. Genau darum geht es hier.

Wichtige Erkenntnisse

  • Der erste kommerzielle Mobilfunk-Anruf wurde 1973 von Martin Cooper bei Motorola von einem New Yorker Bürgersteig aus geführt.
  • Das erste in Serie verkaufte Handy war das Motorola DynaTAC 8000X, ab 1983 in den USA, für einen Preis, der heute mehreren tausend Euro entspricht.
  • In Deutschland beginnt die Handy-Geschichte nicht 1992, sondern mit dem C-Netz in den Achtzigern und dem D-Netz ab 1992.
  • Das Nokia 1011 von 1992 war das erste GSM-Handy der Welt, groß, schwer und ohne Farbdisplay.
  • Das IBM Simon gilt als erstes Smartphone: Touchscreen, E-Mail und Terminkalender, vorgestellt 1992, verkauft ab 1994.
  • Ein Handy war in den Neunzigern kein Konsumgut, sondern ein Arbeitsgerät für Leute mit einem ganz bestimmten Berufsprofil.

Erste Handys: eine Geschichte, die auf einem Bürgersteig beginnt

New York, 3. April 1973. Ein Mann steht mit einem grauen Kasten am Ohr auf der Sixth Avenue und telefoniert mit einem Konkurrenten. Der Mann heißt Martin Cooper, arbeitet bei Motorola, und der Kasten ist ein Prototyp namens DynaTAC, gut ein Kilo schwer, mit einer Ladezeit von mehreren Stunden und einer Gesprächszeit von etwa einer halben Stunde. Cooper ruft bei den Bell Labs an, um denen zu sagen, dass sie verloren haben. Klingt nach Legende, ist aber mehrfach so erzählt worden, unter anderem von Cooper selbst.

Die Bell Labs hatten das Konzept des Mobilfunks schon vorher durchdacht. Sie waren sogar überzeugt, dass es vor allem eine Sache werden würde: ein Autotelefon. Dass jemand mit dem Ding einfach durch die Stadt laufen könnte, schien damals wirtschaftlich absurd.

Von Prototyp zum Serienmodell — zehn Jahre

Zwischen Coopers Anruf und dem ersten Gerät, das jeder mit dem nötigen Kleingeld kaufen konnte, lagen zehn Jahre. Das Motorola DynaTAC 8000X kam 1983 auf den Markt. Die Zahl, die in fast allen Darstellungen auftaucht, sind 3.995 Dollar. Ich habe lange gedacht, das sei teuer. Es ist teurer, als es klingt: gemessen an der Kaufkraft ist das ungefähr das, was heute ein Kleinwagen kostet.

Und dafür bekam man:

  • kein Display, auf dem man lesen konnte, welche Nummer anrief
  • eine Akku-Laufzeit, die bei einem längeren Telefonat zur Zitterpartie wurde
  • ein Gewicht von fast 800 Gramm
  • einen Vertrag, der in den USA zusätzlich ein Vermögen kostete

Was ich daran am aufschlussreichsten finde: Diese erste Generation war nicht für Privatleute gedacht. Sie war für Bauleiter, Geschäftsführer, Immobilienmakler. Für Menschen, deren Arbeit darin bestand, erreichbar zu sein, und die es sich leisten konnten, diesen Status offen zu zeigen.

Das erste Handy in Deutschland: C-Netz, dann D-Netz

Fragt man in Deutschland, wann es das erste Handy gab, bekommt man oft die Antwort 1992. Das ist die richtige Antwort auf eine andere Frage. Denn das eigentliche Mobilfunknetz der ersten Stunde war das C-Netz, ab Mitte der Achtzigerjahre in Betrieb, ein analoges Netz mit Fahrzeugtelefonen und später tragbaren Geräten, die ehrlich gesagt alles andere als handlich waren.

Das erste Handy in Deutschland: C-Netz, dann D-Netz

Der Sprung 1992: Warum das D-Netz alles veränderte

Mit dem GSM-Standard kam 1992 das D-Netz. Zwei private Betreiber, ein neuer Standard, ein neues Gerät: Das Nokia 1011 war das erste in Serie gefertigte GSM-Handy überhaupt. Es wog rund 500 Gramm, hatte eine Antenne wie ein kleiner Stab und ein Display, das etwa zwei Zeilen zeigte.

Was kaum jemand heute noch weiß: Der Sprung von Analog zu Digital bedeutete nicht nur bessere Sprachqualität. Er bedeutete, dass erstmals Kurznachrichten möglich wurden. Der SMS-Standard war Teil der GSM-Spezifikation. Die Netzbetreiber haben das anfangs nicht ernst genommen — man ging davon aus, dass SMS ein Nischenprodukt für Techniker bleiben würde.

Ich habe das an mir selbst erlebt, viele Jahre später, aber das Prinzip war dasselbe: Die Funktion, die am Anfang belächelt wurde, hat das Gerät dann getragen. Nicht das Telefonieren hat das Handy zum Massenprodukt gemacht. Sondern das Schreiben.

Was ein Handy in den Neunzigern wirklich kostete

Ein konkretes Beispiel aus meinem Umfeld: Ein Verwandter hat 1996 einen D-Netz-Vertrag abgeschlossen. Das Gerät selbst hat ihn um die 300 Mark gekostet, die Grundgebühr lag bei etwa 60 Mark im Monat, und jede Minute außerhalb der Freizeit war ein eigenes Rechenexempel. Für ihn war das kein Luxusproblem, sondern eine Investition. Ohne das Handy hätte er bestimmte Aufträge nicht annehmen können.

Das ist der Punkt, den die Zahlen allein nicht transportieren: Die Preise der ersten Handys sagen weniger über Technik aus als über den sozialen Filter. Wer 1995 ein Handy hatte, gehörte zu einer sehr kleinen Gruppe.

Erstes Nokia-Handy: Warum der Name zum Synonym wurde

Der finnische Konzern Nokia hat die Handy-Geschichte stärker geprägt als jedes andere Unternehmen der Neunzigerjahre. Das erste GSM-Handy kam, wie oben erwähnt, 1992 aus Finnland. Aber der eigentliche Klassiker kam wenig später: das Nokia 2110, 1994, mit einer Melodie, die man auf der ganzen Welt wiedererkannte und die später als Klingelton Kultstatus erreichte.

Erstes Nokia-Handy: Warum der Name zum Synonym wurde

Zwischen 1998 und 2007 war Nokia der größte Handyhersteller der Welt. Warum? Nicht wegen besonders fortschrittlicher Technik. Sondern weil Nokia verstanden hat, dass Handys mit Tastatur und klarem Menü nicht von Ingenieuren, sondern von normalen Menschen bedient werden mussten.

Und dann kam 2007 ein Unternehmen, das sich bis dahin mit Computern beschäftigt hatte. Den Rest kennen Sie.

Das erste Smartphone: IBM Simon, nicht iPhone

Hier kippt die Erzählung. Die meisten Menschen verbinden den Begriff Smartphone mit dem iPhone von 2007. Das iPhone war aber nicht das erste Smartphone. Es war nur das erste, das die Kategorien Telefon und Computer so zusammenführte, dass es für eine breite Käuferschicht funktionierte.

Das erste Smartphone: IBM Simon, nicht iPhone

IBM Simon: Touchscreen, E-Mail und ein Preis, bei dem man schluckt

Das IBM Simon wurde 1992 vorgestellt und 1994 in den USA verkauft. Es hatte einen Touchscreen — mit einem Stift bedienbar, ohne Tastenfeld für die Nummerneingabe. Es konnte E-Mails empfangen, einen Kalender verwalten, Faxe senden. Es war rund 500 Gramm schwer und kostete inklusive Vertrag mehrere hundert Dollar.

Der Punkt, den ich für den entscheidenden halte: Das Simon war kein Erfolg. Es wurde in vergleichsweise geringen Stückzahlen verkauft. Es war zu teuer, zu groß, zu langsam. Aber es hat gezeigt, dass die Idee funktioniert. Fast zwei Jahrzehnte später hat ein anderes Unternehmen dieselbe Idee in einem Gehäuse umgesetzt, das in die Hosentasche passte.

Zeitstrahl: die ersten Handys im direkten Vergleich

Die folgende Übersicht ordnet die wichtigsten Stationen ein. Preise sind, wo sie überliefert sind, in der jeweiligen Landeswährung angegeben — die Kaufkraftunterschiede zwischen den Jahrzehnten lassen sich nicht sauber umrechnen.

Jahr Gerät Besonderheit Gewicht
1973 Motorola DynaTAC (Prototyp) erster mobiler Anruf von Cooper ca. 1,1 kg
1983 Motorola DynaTAC 8000X erstes kommerzielles Mobiltelefon ca. 790 g
1992 Nokia 1011 erstes GSM-Handy der Welt ca. 500 g
1992/1994 IBM Simon erstes Smartphone mit Touchscreen ca. 500 g
1994 Nokia 2110 Kultklingelton, großer Verkaufserfolg ca. 230 g
2007 iPhone (1. Generation) erstes Smartphone mit kapazitivem Multitouch 135 g

Was an dieser Tabelle auffällt, wenn man sie in Ruhe betrachtet: Zwischen dem ersten kommerziellen Handy und dem ersten iPhone liegen 24 Jahre. In diesen 24 Jahren hat sich vor allem das Gewicht verändert. Die eigentliche Revolution, das Smartphone, war schon 1994 konzipiert. Es brauchte nur die passende Hardware und einen Hersteller mit dem Mut, auf Tasten zu verzichten.

Häufige Fragen zu den ersten Handys

Wer hat das erste Handy erfunden?

Diese Frage hat keine einzelne Antwort, die sauber wäre. Das Konzept des zellularen Mobilfunks stammt aus den Bell Labs, also aus einem Forschungsteam und nicht von einer Person. Das erste Gerät, das tatsächlich funktionierte und getragen werden konnte, wurde bei Motorola von einem Team um Martin Cooper entwickelt. Cooper ist die Person, die in den Erzählungen meist genannt wird, weil er den ersten Anruf geführt hat.

Ich halte den Begriff „Erfinder" hier für irreführend. Mobilfunk war ein Netzwerkproblem, das parallel in mehreren Ländern gelöst wurde. Deutschland und Frankreich haben dabei eine eigene Rolle gespielt, die in den angelsächsischen Darstellungen regelmäßig untergeht.

Wie sah das erste Handy aus?

Wie ein Telefon, das man nicht mit einer Hand halten konnte — zumindest nicht, ohne den Arm aufzustützen. Das DynaTAC hatte ein rechteckiges Gehäuse mit abgerundeten Kanten, eine Tastatur mit etwa 30 Tasten, ein winziges Display und eine Antenne, die man herausschob. Farbe: Grau, Beige, später Schwarz.

Wer heute ein Bild davon sieht, denkt sofort an einen Aktenkoffer. Wer es in der Hand hielt, dachte vermutlich an einen Hantelersatz.

Wie teuer war das erste Handy?

Das DynaTAC 8000X kostete beim Marktstart in den USA knapp 4.000 Dollar. Dazu kam der Vertrag, der je nach Nutzung noch einmal erheblich war. Umgerechnet auf die heutige Kaufkraft landet man bei einem Betrag, für den man heute ein gebrauchtes Auto bekommt. In Deutschland lagen die Einstiegspreise für GSM-Geräte Anfang der Neunziger niedriger, aber immer noch deutlich über dem, was ein durchschnittlicher Haushalt im Monat verdiente.

Welches war das erste Handy mit Touchscreen?

Das IBM Simon, vorgestellt 1992. Es funktionierte mit einem Stift, nicht mit dem Finger. Das erste Gerät, bei dem man mit dem Finger ohne Stift über den Bildschirm wischte und das das zuverlässig erkannte, war das iPhone aus dem Jahr 2007. Dazwischen gab es viele Zwischenschritte — etwa Geräte mit resistivem Touchscreen, die einen Stift oder einen harten Fingernagel brauchten, um überhaupt zu reagieren.

Der Unterschied zwischen diesen beiden Arten von Touchscreen ist übrigens der Grund, warum sich Bedienkonzepte so radikal verändert haben. Ein resistiver Bildschirm erkennt Druck. Ein kapazitiver erkennt die elektrische Ladung des Fingers. Erst der zweite macht Gesten möglich — Wischen, Zoomen, Scrollen durch Trägheit.

Was von den ersten Handys geblieben ist

Am Ende einer solchen Rückschau erwartet man vielleicht den Satz, dass alles früher irgendwie besser war. Das war es nicht. Die Akkus waren schlecht, die Displays unlesbar, die Preise absurd, die Netze löchrig. Was mich an der Geschichte der ersten Handys bis heute fasziniert, ist etwas anderes: dass eine Technologie so lange in einem Gehäuse steckte, das gar nicht zu ihr passte.

Der Touchscreen existierte 1994. Die Idee des mobilen Büros auch. Es dauerte dann noch gut zehn Jahre, bis die Bauteile klein genug waren, um das alles in eine Hosentasche zu bekommen. Und in dieser Zeit hat die Industrie eine ganze Generation von Geräten verkauft, die im Nachhinein nur Zwischenschritte waren.

Mein Bekannter hat sein Dachboden-Handy übrigens nicht weggeworfen. Es steht jetzt in einem Regal, mit einem kleinen Schild daneben: „Erstes Handy der Familie, 1994". Daneben liegt ein Ladekabel, das nicht mehr passt. Das ist vermutlich die ehrlichste Zusammenfassung dieser ganzen Geschichte.